Rekombinante Faktor-VIII-Präparate

Ein deutlicher Fortschritt

Der nächste Schritt (nach den plasmatischen Präparaten) war die gentechnologische („rekombinante“) Herstellung von Faktor-VIII-Präparaten. Dazu muss kein Plasma mehr verwendet werden. Diese sind deutlich sicherer, haben aber immer noch einen nicht zu unterschätzenden Nachteil einer unerwünschten Nebenwirkung: Hemmkörper-Hämophilie.

Advate®, Kogenate®, Refacto® etc.

Die Firmen Bayer, CSL Behring, Novo Nordisk, Pfizer, Shire (Takeda) u.a. stellen solche Präparate her. Die Produkte unterscheiden sich in verschiedenen Kriterien, z.B.: verwendete Zelllinie, Bestandteile des Nährmediums, Faktorreinigung und / oder Virusinaktivierung / Virusabreicherung. Entscheidend aber ist, dass sie nicht mithilfe von menschlichem Blutplasma hergestellt werden.

Eine vollständige Übersicht hinsichtlich all der o.a. Kriterien findet sich auf der Website der IGH:

Gentechnisch hergestellte Faktor-VIII-Präparate

Videos der Interessengemeinschaft Hämophiler e.V.

Die Interessengemeinschaft Hämophiler e.V. (IGH) hat – in Zusammenarbeit mit Dr. med. C. Königs von der Uniklinik Frankfurt – eine Video-Reihe erstellt, die in kurzen Filmen von jeweils zwei bis drei Minuten die neuesten wissenschaftlichen Trends in der Hämophiliebehandlung darstellt und erläutert. Im Folgenden die Darstellung der verschiedenen Faktor-VIII-Präparate durch Herrn Dr. Königs:

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Die IGH macht darauf aufmerksam: Die Videos dienen nur und ausschließlich der Information und stellen keineswegs eine ärztliche Beratung oder Behandlungsempfehlung dar. Sie ersetzen kein ärztliches Beratungsgespräch! Dieses gilt selbstverständlich auch für diese Website.

Gentechnisch hergestellte Faktor-VIII-Präparate mit verlängerter Halbwertzeit

Eine Weiterentwicklung der Präparate besteht in ihrer verlängerten Wirkung (HWZ), damit nicht mehr alle 2-3 Tage, sondern evtl. nur alle 5 Tage gespritzt werden muss. Dabei werden z.B. die (biopharmazeutischen) Wirkstoffe mit Polyethylenglycol (PEG) chemisch verbunden. Diese „Pegylierung“ wird in der Pharmazie für zahlreiche andere Substanzen zur HWZ-Verlängerung verwendet. Oder aber der Faktor VIII wird an ein körpereigenes Eiweiß (Immunglobulin oder Albumin) gebunden. Auch dadurch wird eine HWZ-Verlängerung erreicht. Diese sogenannten Fusionsproteine können vollständig vom Körper abgebaut und recycelt werden.

  • Efmoroctocog alfa (rekombinanter humaner Gerinnungsfaktor VIII, FC-Fusionsprotein, Handelsname Elocta®; Hersteller Sobi) wurde 2015 in der EU zugelassen.* Elocta® war das erste Therapeutikum gegen Hämophilie A in der EU, das einen längeren Schutz vor Blutungen geboten hat. Laut Fachinformation können bei einer Therapie mit diesem Präparat nur alle drei bis fünf Tage prophylaktische Injektionen notwendig sein.
  • Als Beispiele für PEG Verbindungen sind zu nennen:
    – Im Februar 2018 wurde Adynovi® (Hersteller Shire Takeda / Wirkstoff: Rurioctocog alfa pegol – ein kovalentes Konjugat von Octocog alfa) zugelassen.*
    – Jivi® (Hersteller Bayer / Wirkstoff: Damoctocog alfa pegol) gibt es seit Januar 2019.*
    – Und im Juni 2019 wurde Esperoct® (Hersteller Novo Nordisk / Wirkstoff: Turoctocog alfa pegol) zur Behandlung und Prophylaxe von Blutungen bei Hämophilie A zugelassen.*

Eine weiteres Produkt mit verlängerter HWZ – Afstyla® (Hersteller CSL Behring / Wirkstoff: Lonoctocog alfa) – wurde Januar 2017 zugelassen.* Afstyla® weist eine höhere Affinität zum von Willebrand Faktor (vWF) auf. VWF stabilisiert Faktor VIII und verhindert dessen Abbau.

Der Nachteil der unerwünschten Nebenwirkung in Form einer Hemmkörper-Hämophilie besteht hier weiterhin. Ausserdem stellen die niedrigen Talspiegel unter der FVIII-Prophylaxe immer noch ein erhöhtes Risiko von Blutungen dar.

Eine vollständige Übersicht findet sich ebenfalls auf der Website der IGH.

* Die Zulassungsdaten beziehen sich immer auf die Europäische Union.

Die neueste Entwicklung

Sogenannte „monoklonale Antikörper“ spielen in der modernen Medizin eine bedeutende Rolle und haben zwischenzeitlich auch in der Behandlung der Hämophlie A Einzug gehalten. Das Thema Halbwertzeit spielt auch hier eine große Rolle. Denn der aktuelle Antikörper Emicizumab wird nicht nur subkutan verabreicht, sondern kann auch in der Erhaltungsdosis wöchentlich, alle 2 oder sogar – beinahe – alle 4 Wochen angewendet werden.