Gentherapie und andere zukünftige Therapieoptionen

Gentherapie in der Hämophilie

Gentherapie

Auch in der Hämophilie spielt die so genannte Gentherapie eine Rolle. Sie könnte / sollte eine langfristige körpereigene Produktion des fehlenden Gerinnungsfaktors VIII ermöglichen und damit eine sehr interessante Alternative zu den derzeitigen Faktorersatztherapien darstellen. Nicht zuletzt könnte auch dadurch – wie bei den Antikörpern – die Entwicklung der neutralisierenden Hemmkörper als schwere Nebenwirkung der Faktorersatztherapie überwunden werden. Ziel wäre hier, die lebenslange Hämophilietherapie durch eine einzige Behandlung zu ersetzen. (C) Foto: Spark Therapeutics

Während die Gentherapie in anderen Bereichen bereits erfolgreich eingesetzt wird, gibt es bisher noch keine zugelassene Gentherapie in der Hämophilie.

Aber aktuell forschen Wissenschaftler / Pharmaunternehmen noch, inwieweit die Gentherapie auch in der Hämophilie erfolgreich sein kann. Im Juli 2017 stellte die Arbeitsgruppe um Professor John Pasi, London beim Kongress der Internationalen Gesellschaft für Thrombose und Hämostase (ISTH) in Berlin eine experimentelle Studie bei 15 Männern mit schwerer Hämophilie A vor. Ihr aktuellen Ergebnisse wurden Anfang 2020 im New England Journal of Medicine (NEJM) (2020; 382: 29-40) publiziert.

Meldungen zur Gentherapie

Ende Mai 2020 wurde in „Haemophilia“, dem offiziellen Journal der World Federation of Hemophilia (WHF), ein Beitrag veröffentlicht, in dem darüber berichtet wird, dass in Zusammenarbeit von Wissenschaftlern, Gesellschaften und beteiligten Pharmafirmen ein Register zur Gentherapie bei der Hämophilie A aufgebaut wird.

Auf dem virtuellen WFH Gipfel im Juni 2020 hieß es u.a.:

Anlässlich des Welthämophilietages formuliert das Universitätsklinikum Freiburg im April 2019: „Die Bluterkrankheit ist beherrschbar geworden“ und thematisiert darin nicht nur den Fortschritt durch den Antikörper Emicizumab, sondern auch die Hoffnung auf die Gentherapie.

An der Gentherapie beteiligte Firmen

  • Spark Therapeutics (in 2019 von Roche gekauft) hat ein relativ weit fortgeschrittenes klinisches Projekt (SPK-8011) zur Behandlung von Hämophilie A. Der Start der Phase III der klinischen Studien war für das Jahr 2019 geplant.
  • Die Firmen Sangamo und Pfizer präsentierten im Dezember 2019 Ergebnisse einer Phase-1/2-Studie , die eine anhaltend erhöhte Faktor-VIII-Aktivität über 44 Wochen nach SB-525 Gentherapie-Behandlung zeigten. Dafür erhielt Sangamo die ersten 25 Mio USD von vereinbarten 300 Mio USD (s.a. PM von Sangamo). Im Juni 2020 stellten Pfizer und Sangamo Ergebnisse ihrer Phase I/II zu giroctocogene fitelparvovec (SB-525) vor.
  • Die Firma BioMarin hat Ende 2019 eine Zulassung für ihre Gentherapie (vorgesehener Handelsname Valrox®; INN: valoctocogene roxaparvovec) bei der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA beantragt. Im Februar 2020 gewährte die FDA eine sogenannte „Priority Review“, d.h. dass man den Zulassungsantrag mit hoher Priorität bearbeiten wird. Die o.a. Publikation im NEJM war die Referenzstudie für den Zulassungsantrag. Laut Wallstreet Journal strebt BioMarin für Valrox® einen Preis zwischen 2 und 3 Millionen USD an mit der Begründung, dass ja durch diese Heilung die zukünftigen Therapiekosten entfallen. Der CEO wird zitiert, dass die Krankenkassen mit der Preisvorstellung einverstanden seien. BioMarin bietet eine Website zum Thema Gentherapie (u.a. bei Hämophilie) an.
  • Novo Nordisk ist im Oktober 2019 eine Kooperation mit bluebird bio eingegangen, um in einem gemeinsamen Forschungsprogramm, einen geeigneten Kandidaten zu identifizieren.
  • CSL Behring hat im Juni 2020 mit uniQure eine Vereinbarung getroffen, uniQure´s Kandidaten etranacogene dezaparvovec zur möglichen Behandlung der Hämophilie B gemeinsam weiter zu entwickeln.

Ausblick in die Zukunft

Die Interessengemeinschaft Hämophiler e.V. (IGH) hat – in Zusammenarbeit mit Dr. med. C. Königs von der Uniklinik Frankfurt – eine Video-Reihe erstellt, die in kurzen Filmen von jeweils zwei bis drei Minuten die neuesten wissenschaftlichen Trends in der Hämophiliebehandlung darstellt und erläutert. Im Folgenden noch ein Ausblick in die Zukunft durch Herrn Dr. Königs:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Die IGH macht darauf aufmerksam: Die Videos dienen nur und ausschließlich der Information und stellen keineswegs eine ärztliche Beratung oder Behandlungsempfehlung dar. Sie ersetzen kein ärztliches Beratungsgespräch! Dieses gilt selbstverständlich auch für diese Website.

Weitere Antikörper und RNAi-Therapeutika

Neben der Entwicklung in der Gentherapie gibt es Forschungsbemühungen, weitere Antikörper zu entwickeln. Z.B. hat die Fa. Novo Nordisk Concizumab in einer noch frühen Entwicklungsphase (s.a. Meldung vom 26. März 2020). Marstacimab ist ein von Pfizer entwickelter Antikörper zur Behandlung von Hämophilie-A- und -B-Patienten. Auch dieser befindet sich noch in einer frühen Entwicklungsphase.

Um das Intervall des Spritzens zu verlängern, arbeiten fast alle Unternehmen an weiteren Faktor-VIII-Präparaten, die eine längere Halbwertzeit (HWZ) haben. Vereinfacht gesprochen bedeutet eine längere HWZ, dass ein Präparat länger wirkt und somit nicht so oft gespritzt werden muss.

Einen vollkommen anderen Therapieansatz stellt z.B. Fitusiran (der Firmen Sanofi Genzyme / Alnylam) dar. Hier wird das Prinzip der so genannten RNA-Interferenz (RNAi) genutzt. RNAi-Therapeutika beruhen auf der Grundlage einer mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Wissenschaft. Fitusiran befindet sich noch in der klinischen Entwicklungsphase Phase III. Mit einer Zulassung wird in 2020 oder 2021 gerechnet.

Auch gibt es Bemühungen, weitere Wirkstoffe zu entwickeln, die die natürlichen, gerinnungshemmenden Mechanismen blocken, sodass die Blutgerinnung selbst gefördert wird. Angriffspunkte dafür sind Anti-Gerinnungsfaktoren wie der sogenannte Tissue Factor Pathway Inhibitor (TFPI).

Quellen:


Übrigens: die Domain gentherapie.de zeigt auf diese Seite (obwohl die Gentherapie natürlich sehr viel breiter – als nur in der Hämophilie – angewendet wird. Deshalb wird es demnächst eine grundlegende Aktualisierung / Neustrukturierung geben.)